Colloquium 2008: Wahrheit - Pluralismus - Relativismus

Gefährden unbedingte Überzeugungen die Demokratie?

Werte sind, so die heutige Auffassung, subjektiv und unterliegen folglich der Relativität der Meinungen. Je aufgeklärter und toleranter eine Gesellschaft, desto unschärfer demnach ihre Grundwerte. Ob demgegenüber folglich unbedingte Überzeugungen eine Gefahr für die Demokratie darstellen, war die zentrale Frage beim interdisziplinären Colloquium 2008 "Wahrheit - Pluralismus - Relativismus" des Lindenthal-Instituts in Köln. Mehr Pluralismus wurde gefordert, der Relativismus kritisiert.

Toleranz ist eine Tugend, Gleichgültigkeit jedoch keine. Sie schlägt vielmehr um ins Gegenteil, wenn das Bildungsideal einer hyper-toleranten Gesellschaft die Überzeugungslosigkeit ist, wie Hans Thomas, Direktor des Lindenthal-Instituts, in seinem Einführungsvortrag formulierte. Denn zum einen liegt es in der Natur der Sache, dass jede Forderung nach Aufhebung unbedingt geltender Wahrheiten mit Anspruch unbedingter Geltung für sich selbst auftritt. Zum anderen wird sie, wie die öffentliche Brandmarkung  moralischer, religiöser und weltanschaulicher Wahrheitsüberzeugungen zeigt, mitfolgend durch eine "Diktatur des Relativismus" ergänzt. Was aber wäre demgegenüber das verbindend Verbindliche, das einen gesunden Pluralismus auf der Grundlage von Grundwahrheiten ermöglicht und gegen das Abgleiten in einen anarchistischen Relativismus sichert? Worauf soll sich eine moderne Gesellschaft einigen, ohne dazu erst "Glaubenskriege" führen zu müssen oder der Gleichgültigkeit als Folge eines inhaltsleeren kleinsten gemeinsamen Nenners zu erliegen? 

Wo akademische Umgebungen früher dadurch gekennzeichnet waren, dass es überall Leute gab, die vorgaben, mehr zu verstehen als sie wirklich verstehen, so gibt die Mehrzahl heute in Bezug auf genannte Fragen vor, weniger zu verstehen als sie verstehen. Die Dialektik der Säkularisierung liegt, wie Walter Schweidler deutlich machte, darin, dass gerade die Aufklärung die Weite der Vernunft beschränkt hat. Und zwar, wie es heute gerne herausgestellt wird, aus bescheidener Zurücknahme des Absolutheitsanspruches der eigenen Position. Die Gleichgültigkeit gegenüber den Überzeugungen des Anderen wird zur Tugend einer - falsch verstandenen - Toleranz stilisiert. In der Postmoderne wird die Kritik an Wahrheit und Vernunft noch durch ein weiteres vermeintlich moralisches Argument gestützt. Wie Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz ausführte, wird für die Postmoderne die fundamentale Kritik der Vernunft erforderlich. Denn sie ist die Ursache für die Diktaturen des letzten Jahrhunderts. Mit der Negation der Vernunft aber wird auch jeglicher verbindliche Wahrheitsgehalt eliminiert. Mit Nietzsche ist ein solcher eine absurde Annahme. Weil Gott tot ist, existieren wir nicht als wahrheitsfähige und freie Wesen. Wer wie Nietzsche und seine Epigonen im Absurden bleiben will, der braucht dann auch keinen Beweis der menschlichen Wahrheitsfähigkeit oder der Existenz Gottes. Wie Spaemann realitätsnah folgerte braucht er aber vielleicht einen Freund. Womit wir wieder beim Thema Toleranz angelangt wären. Jedoch mit der Pointe, dass man sich nicht in das Schneckenhaus der privaten Überzeugungen zurückziehen kann, weil man es da draußen mit wirklichen Menschen zu tun hat, die Freiheit und Wahrheitsfähigkeit besitzen und ein grundlegendes Bedürfnis nach personalen Beziehungen. Und das wäre doch eine erste verbindliche Grundlage. Denn ein jeder hat seine unbedingten Überzeugungen.

Anhänge

Tagungsbericht im Deutschlandfunk (Ausschnitt aus der Studiozeit - Aus Kultur- und Sozialwissenschaften)

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